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Kriegschroniken in Sütterlin

Im Frühsommer 2014 wurde ich von der Evangelischen Kirchgemeinde Limlingerode gefragt, ob ich Kriegschroniken aus dem 1. Weltkrieg für sie transkribieren könnte, die in Sütterlin geschrieben sind.
Die Kriegschroniken waren in den Jahren 1914-1918 vom damaligen Pfarrer der Gemeinde August Rönnefahrt geschrieben worden. Da sie handschriftlich angefertigt sind, brauchte die Gemeinde jemanden, der Sütterlin (genauer gesagt eigentlich Deutsche Kurrentschrift, denn Sütterlin wurde in preußischen Schulen erst 1915 eingeführt) lesen und die Chroniken systematisieren konnte, sodass man die in den Chroniken erwähnten Personen identifizieren können würde.
Die Gemeinde wollte die Chroniken ungern aus dem Ort geben und so verbrachte ich einige Wochen in der charmanten Gemeinde Limlingerode, während ich die Chroniken transkribierte.
So lernte ich auch einige Nachfahren der in den Chroniken erwähnten Personen kennen.

Limlingerode im 1. Weltkrieg

Band 1 der handgeschriebenen Kriegschronik
August Rönnefahrt begann mit dem Schreiben der Chroniken am 18. August 1914, nachdem bereits die ersten jungen Männer aus dem Dorf zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Er fertigt unter anderem eine Liste der 106 Kriegsteilnehmer an und berichtet mehr oder weniger detailliert über ihr Schicksal während des Krieges, unterstützt durch die Abschriften von Feldpost, die ihm die Limlingeröder selbst geschrieben hatten bzw. die ihm Angehöriger zur Abschrift überlassen hatten.Da Rönnefahrt selbst zwischen 1915 und 1916 mehrfach krank war, konnte er seine Arbeit an den Chroniken nicht stetig fortführen, sodass es für einige Kriegsteilnehmer weniger Material gibt als für andere.Neben den Berichten von der Front beschreibt Rönnefahrt auch, wie das Leben in Limlingerode vom Krieg beeinflusst wurde. Es beginnt schon mit Einziehen von Pferden für den Kriegsdienst am 3. und 4. August, als gerade die Erntezeit in dem landwirtschaftlichen Gebiet begonnen hatte. Genau 100 Jahre später saß ich in Limlingerode und hörte die Mähdrescher, die den Weizen von den Felden holten.Rönnefahrt führt detaillierte Listen über die Geld- und Sachspenden, die in Limlingerode für die Soldaten, Kriegswitwen und -waisen und die Herstellung von Waffen und Munition gemacht werden.

Inhalt der Kriegschroniken von Limlingerode

Wie man sich vorstellen kann, zeichnen die von August Rönnefahrt geschriebenen Kriegschroniken ein lebhaftes Bild vom Leben an der Front. Die meisten Soldaten nahmen direkt an den Frontkämpfen teil, einer arbeite in der Sanitätskolonne und beschreibt die physischen und psychischen Wunden der Verwundeten, andere arbeiten im Fuhrpark, wenige als „Bursche“ für einen Leutnant.
Sie hatten sich wohl nicht vorgestellt, dass der Krieg so lange dauern würde, denn schon im Oktober 1914 schreiben sie, dass es nun wohl nicht mehr lange dauern würde. Besonders berührend sind die Schilderungen der jungen Kriegsfreiwilligen, die quasi direkt vom Gymnasium in Nordhausen in den Kriegsdienst aufgenommen wurden und junge Väter, die in ihren Briefen nach ihren kleinen Kindern fragen.
Alle bedanken sich artig für die Verpflegungspakete mit Zigarren, Schokolade, Wurst und Kuchen, die ihnen Angehörige und andere Dorfbewohner zusandten. Wenn die Pakete wegen Verlegung der Truppen und dem damit unterbrochenen Postweg nicht zugestellt werden konnten, litten die Soldaten Hunger und Sehnsucht nach Lebenszeichen von ihren Lieben. Einige Frauen schickten Fotografien von sich und den Kindern an die Front; auch die Soldaten schickten Fotografien von sich und der Kompanie nach Hause.
Es wird so ein beinahe allumfassendes Bild gezeichnet, bei dem der arme Ackerknecht ebenso zu Wort kommt wie der kriegsfreiwillige Schullehrer und die Söhne der Großbauern.

Schwierigkeiten bei der Transkription

Neben der anfänglichen Schwierigkeit, mich wieder in die Sütterlin-Schrift einzulesen, die ich glücklicherweise als Kind im Kunstunterricht gelernt habe und während des Studiums noch einmal auffrischen konnte, brachten die Chroniken größere Herausforderungen mit sich: Zunächst einmal war es damals – und ist es auch heute noch – in dem 430-Seelen-Dorf Limlingerode Brauch gewesen, dass ein Vater seinen Vornamen an den ältesten Sohn weitergab. Außerdem kommen einige Familiennamen auf mehreren der 84 Häuser und Höfe vor. So kam es, dass einige Kombinationen von Vor- und Nachnamen sechsmal vorkamen, wobei es sich tatsächlich um sechs verschiedene Personen handelte.
Die andere Schwierigkeit war die Identifizierung der in der Feldpost genannten Ortsnamen. Denn wie man sich vorstellen kann, konnten die wenigsten der Kriegsteilnehmer Französisch oder Russisch, sodass sie die Ortsnamen an den Fronten so schrieben, wie sie sie hörten. Einige Male hatte schon Rönnefahrt die Ortsnamen aufgelöst (z.B. Chevillecourt aus Schwinekrutt), andere musste ich selbst auflösen. Einige Ortsnamen bezogen sich auf kleine Dörfer von heute maximal 100 Einwohnern, die auch heute schwer zu finden sind. Die meisten konnte ich jedoch identifizieren und lokalisieren und in das Ortsverzeichnis der Transkriptionen eintragen.
17 Opfer aus den Reihen der 106 Kriegsteilnehmer hat der Weltkrieg gefordert, 17 Männer, die auf den Chroniken und auf dem Kriegerdenkmal in Limlingerode verewigt sind.